Arbeiterliedarchiv
Lancken
Das Kanapeelied
1. Das Kanapee ist mein Vergnügen,
drauf ich mir was zu Gute tu.
Drauf kann ich recht vergnüget liegen
in meiner allzu sanften Ruh’!
Tut mir’s in allen Gliedern weh,
|: so leg ich mich auf’s Kanapee, :|
2. Wenn mir vor Sorgen und Gedanken
Der Kopf wie eine drehe geht,
Gesetzt das Herz sing’ an zu wanken
Als wie ein Schiff, wenn Sturm entsteht
Bei Wind und Wellen auf der See,
So leg’ ich mich aufs Kanapee.
3. Ich mag so gerne Kaffee trinken,
Gewiß man kann mir mit dem Trank
Auf eine halbe Meile winken,
Dem ohne Kaffee bin ich krank;
Doch schmecken mir Kaffee und Tee
Am besten auf dem Kanapee.
4. Soll ich auf diesem Lager sterben.
So lieg’ ich ganz gelassen still;
Gewiß, mein Geist wird nicht verderben,
Wie mein* (unleserlich), so auch mein Sinn.
Gedanken, schwingt euch in die Höh’,
So leg’ ich mich auf’s Kanapee.
Geschichte / Kommentar:
Wir übernehmen zu diesem Lied einmal die
Darstellung von Franz Magnus Böhme, Volkskundliche Quellen Nr.
Ältester Text (bis jetzt) aus einer Hdschr.
v. Jahr 1740 der Phil. Rathusius’schen Bibliothek, mit dem Titel:
„Das in der Einsamkeit singende Frauenzimmer M. Die XL. Abschrift
fand ich in Erk’s handschriftl. Nachlasse. - In Zeile 4,4 fehlt
der Reim; später und jedenfalls schon früher hieß sie:
„Und sprach: Herr es gescheh’ dein Will!“
b) Erweiterter Text vor 1750.
Text nach einem fl. Bl. vor 1750 in v. Meusebachs
Sammlung: „Acht schöne weltliche Lieder (das 6). Gedr. in
diesem Jahr. Hier sehen wir einen Zuwachs: die Str. von tobak ist
hinzugekommen. Weil man im 18. Jahrh. sagte Tabak trinken (statt
rauchen), so wird hier 4,2 blauer Saft (-Rauch) gesetzt.
Ein noch längerer Text v. 89 Str. in
„Gantz neu entsprossene Liebes-Rosen, worinnen viele neue Liebes
Arien und angenehme weltl. Lieder zu finden, welche ohne
Aergerniß können gesungen werden“. (Abdr. bei
Wustmann, Liederb. f. altmod. Leute S. 238). Nach letzterer Quelle, die
Hoffmann (volksth. Lieder Nr. 116) für die älteste hielt,
lauten die 3 ersten Strophen coform wie hier, dann folgt:
In dieser Gestalt von 8 Strophen, aber mit
allerhand Varianten und zugefügten Zweideutigkeiten, (wozu die 6.
Str. oben vorbildlich) wurde dann das Lied durch fl. Blätter
(besonders von 1800-40) und durch Volksmund weiterverbreitet. In einer
um 1873 aufgetauchten süßlichen Umbildung (s. unten) hat
sich das Kanapeelied bis zur Gegenwart erhalten.
Die älteste Melodie zum Kanapeeliede war
gleich mit der des jüngeren, erst 1745 gedruckten
Krambambuli-Liedes (s. Nr. 682)(. Nach dieser Weise hörte ich es
von alten Leuten bis 1850 singen. Eine alte Aufzeichnung der Melodie
hat sich nicht gefunden; die älteste steht in Methfessels
Commersbuche 1818 zum Crambambulitexte, ist aber keine gute Lesart.
Besser ist die im Volksmund erhaltene, wie ich sie aus Thüringen
nach eigener Erinnerung (1840) mittheilte. -
Aus Weißenfels hatte Erk 1850 dieselbe
Melodie (bis auf ein paar abweichende Noten) zu folgendem Texte:
„Das Kanapee ist mein Vergnügen, / Da
mag ich sitzen oder liegen,
Da bin ich wo ich geh und steh / am liebsten auf
dem Kanapee
thut mir kein Glied am Körper weh, / am
liebsten auf dem Kanapee“.
Den Anfang des alten Kanapeeliedes fand Erk sogar
als Tonangabe in einem geistl. Liederb. 1757 mit folgenden Titel:
„Geistliche Lieder und Gesänge“, aufgesetzt von Franz
Siegfried Gottlieb Fischer, Pastor jun. zu Oesselse und Ingelheim.
Hildesheim 1757. Darin steht über einem Liede „von Erhaltung
der Kirche“ [Nr. 29): Mel.: „Das Kanapee ist mein
Vergnügen“ oder „Wer nur den lieben Gott
walten“. (Dergl. Absonderlichkeiten hat FischerÄs Buch noch
andere; so z. B. ist zum 12. Liede angeführt als Melodie:
„Was helfen mir tausend Dukaten, wenn sie versoffen sind“,
oder „Befiehl du deine Wege“ oder „Von Gott will
nicht lassen“). Das Kanapee (v. gr. ......, lat. eonopeum,
ursprünglich ein Mückennetz, dann ein mit diesem versehenes
Ruhebett) gehörte seit Mitte des 18. Jahrh. und schon früher
zu den Modegegenständen, wie Knaster, Coffee und Thee, deren Lob
in diesem Liede mit besungen wird. Der Ausdruck kommt schon 1724 in
Hankes Jägerliede vor (s. Liederhort III, Nr. 1449, Str. 8), wo es
heißt: „Das Laub der hohen Eichen ist unser Kanapee.“
Mit folgender zweiten Melodie, die durch kecke
Sprünge auffällt, hörte Erk 1852 das Kanapeelied von
einem gewesenen brandenburgischen Dorfschulzen singen:
4. Ein Pfeifchen Knaster ist mein Leben,
Das ist mein fünftes Element,
Das kann der Zunge Kühlung geben,
Wenn auch die Sonne heftig brennt.
Ich rauche, wo ich geh’ und steh’,
Auch liegend auf dem Kanapee.
5. Wenn mir bei heißen Sommertagen
Die Decken zu beschwerlich sein,
Muß mir mein Kanapee behagen,
Da schlaf ich ungebeuget ein;
Da beißen mich auch keine Flöh’
Auf meinem lieben Kanapee.
6. Wenn ich mich in die Länge strecke,
So setz mein Schätzchen sich zu mir,
Es hält mir anstatt einer Decke
Ein lilienweißes Kißchen für!
Das kutzelt in der großen Zeh
Auf meinem lieben Kanapee.
7. Gesetzt, ich werde auch malade,
Daß ich ein Patiente bin,
In Schwach- und Krankheit ich gerathe,
So recolligiret sich mein Sinn,
Das letzte schmerzliche Adieu
Zu sagen auf dem Kanapee.
8. Wie wollt’ ich meine Ruhe haben,
Die Mißgunst aber ist so groß
Man wird mich andern gleich begraben,
Mein Leib fault in der Erde Schoß;
Wiewohl das thut mir gar nicht weh,
Der Geist schwebt um das Kanapee.